Unterhaltungen im Internet
HörSpiel als Interaktion
von Sabine Breitsameter
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“Rosie”
Der neu eingestellte Küchenjunge wird vom Kantinenchef in die Arbeit eingewiesen. Vorgesetzte sind für Sie der 2. Koch, der 1. Koch und ich. Mehr Vorgesetzte habt Ihr nicht? Pfannen hier, elektrische Geräte drüben, Besteck in diesen Schubladen.
Ich finde das unpraktisch. Man muß zuviel laufen. Ja ihr feinen Pinkel, ihr glaubt, das geht ganz leicht in den Ferien Geld zu verdienen. Hier wird nicht gequasselt, hier wird gearbeitet. Mein Vater ist Kellner, ich hab mir seine Füße angesehen. Lassen Sie die Pfanne hängen.
Nun lassen Sie’s mich doch mal zeigen. Hände weg von der Pfanne, oder ….! Raus! Loslassen die Pfanne. Hier sind wir also in der bekannten Situation, wo der Küchenjunge seine Ohrfeige kriegt. Die Frage ist: soll er sich anpassen, die Ohrfeige einstecken, oder soll er zurückhauen. Diese Frage richten wir an sie. Rufen Sie uns an.
E: Gesellschaftliche Autoritäten und ästhetische Konventionen wurden in den 60er Jahren in allen Kunstformen innerhalb und außerhalb der Medien in Frage gestellt, auch im Hörspiel. Die Widersprüche in Alltag und Arbeitswelt begriff man als Abbild herrschender Machtverhältnisse. Sie sollten, so der Anspruch, in Medien und Kunst so authentisch wie möglich abgebildet werden.
Auf diesem Hintergrund entwickelten sich eine ganze Reihe neuer Hörspiel-Formen: Neben der Hörcollage, die radiophon-musikalische Darstellungsweisen erprobte, neben dem Genre des Originalton-Hörspiel, das vorgefundene spontane Äußerungen des Alltags zu seiner Grundlage machte, entstanden auch eine Reihe von Radio-Stücken, die dem Hörer ermöglichten, unmittelbaren Einfluß auf den inhaltliche Fortgang eines Hörspiels zu nehmen.
“Rosie”
Wir senden Ihre Anrufe, während Sie mit uns sprechen. Einfache Mehrheit entscheidet, wie’s weitergehen soll.
E: In Richard Heys Hörspiel “Rosie” konnte das Publikum bestimmen, welchen Verlauf das Stück nehmen sollte. Zwei Möglichkeiten standen zur Wahl. Die Mehrheitsmeinung der Anrufer im Studio entschied darüber, welche der beiden Versionen auf den Bandteller gelegt und ausgestrahlt wurde.
“Rosie”
Studio “Rosie”, guten Tag. Also ich bin für Zurückhauen, wie mein Vorredner gesagt hat. Gut, der zweite für Zurückhauen. Ich bin dafür, nicht zurückzuhauen, sondern die Pfanne umzuhängen, wenn er grad nicht herguckt. Auf alle Fälle nicht zurückhauen. Danke sehr. Ich rufe aus Heidelberg an. – Ich bin der Meinung, daß der Küchenjunge zurückhaut. Ja selbstverständlich.
E: Nicht nur das Votum der Hörer war gefragt: das Studio “Rosie” wurde auch zum Ort basisdemokratischer Kultur- und Gesellschaftspraxis. Die Gespräche mit dem Publikum: ungefiltert, immer spontan, oftmals holprig, unbeholfen und langatmig. Anders jedenfalls, als die Jahre später aufkommenden Anrufsendungen, in denen man begann, die Beteiligung der Hörer auf das Programmformat hin zu steuern. Und wo die Vorauswahl versagt, bleibt dabei immer noch als letztes Mittel, einfach den Musikregler hochzuschieben. – In der offenen Spielform der Live-Sendung “Rosie” verzichtete man auf diese Art von doppelten Boden – wohl wissend um das inhaltliche wie auch ästhetische Risiko.
“Rosie”
Studio “Rosie” , Guten Tag! Ja, Grüß Gott. Ich ruf von Durmersheim aus an. Also ich bin dafür, daß der Junge draufhauen soll, aber ganz kräftig. Und zwar auf den Herrn Hey. Denn ich hab schon öfter Stücke ghört von ihm, aber des gfallt mer überhaupt net. Warum? Mögen Sie daß denn nicht, Ihre Meinung zu äußern und die Handlung zu beeinflussen? Nein, ich möcht mich unterhalten lassen. Werden Sie denn nicht gerade unterhalten? Aber nicht so, wie ich mir’s vorstelle. Andererseits ist es doch aber so, daß sie mal die Meinung Ihrer Mitmenschen hören und nicht nur die Meinung des Senders.
DIETER DANIELS
Ja, ich glaube, daß Interaktion immer mit dem Problem zu tun hat, daß sie dem menschlichen Bedürfnis, etwas offeriert zu bekommen, dem er sich hingeben kann, zuwiderläuft. Natürlich haben wir gerne, daß uns jemand etwas erzählt, zeigt; daß der für uns auch noch eine gewisse auratische Ausstrahlung hat. All das (r) widerstrebt tendenziell dem Prinzip der Öffnung zur Interaktion hin. Es (sind) Pole, die nicht so ohne weiteres zu vereinbaren sind.
(Leitmotiv)
A: A Andacht
Z Zuhören
Kontemplation Antwort
Wort und Gegenwort Austausch
Konversation
B: Seit dem 17. Jahrhundert:
A: gepflegtes Gespräch.
B: Bis zum 16. Jahrhundert:
A: menschlicher Umgang.
B: In der Antike:
Zit: “Ars Sermonis” – die Kunst des vertrauten und gesprächigen Verkehrs, die dem Fortschreiten und der Wiederholbarkeit, der Bewahrung also, des menschlichen Umgangs dienen soll.
B: Im Zeitalter digitaler Netzwerke und multimedialer Datenräume …
