Unterhaltungen im Internet

HörSpiel als Interaktion

von Sabine Breitsameter

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B: Der Mix, den du dir schaffst indem du die Klangdateien aktivierst, basiert auf deiner Navigation durch das Universum.

E: Die Galerie füllt sich mit Klängen. Immer tiefer zieht es einen in diesen dunklen Raum hinter den Monitor, weil man das flüchtige Zusammenspiel der Planeten einfangen möchte und nicht satt wird zuzuhören.

(“Constellations”)

E: Wie wäre es, diesen Raum, der da auf die Bildschirme, der da auf die Wände projiziert wird, betreten zu können? Ihn und seine Klänge dreidimensional zu erfahren? Zukunftsmusik? – Vielleicht. – Immerhin: Mittels Klang lassen sich bereits seit vielen Jahren physische Realitäten nahezu perfekt simulieren: Es genügen gute Kopfhörer, professionelle Tonaufnahmen – und Körper, Räume, Materialien werden über das Ohr mit fast schon taktiler Vollkommenheit wahrnehmbar. – Irgendwann werden wir dann vielleicht in der Lage sein, zusammen mit den klingenden Planeten durch Atau Tanakas elektronisch generiertes Universum zu schweben und ihre polyphonen Konstellationen zu dirigieren.

ATAU TANAKA
In the next version that is similar to this we have the possibility….
http://fals.ch/Dx/atau/mp3q/

ÜM: In der nächsten Version dieser Installation kann der Hörer auch selbst eine Klangdatei beisteuern, indem er eine Webadresse an uns abschickt, von einem seiner Sounds vielleicht, der irgendwo auf einem Server liegt. Der Rezipient ist also nicht nur Zuhörer, sondern trägt auch zum Stück bei, buchstäblich. All diese Webadressen werden wir grafisch dreidimensional anordnen, zu einer komplexen Architektur. – Dieses Gebilde wird man auf dem Bildschirm drehen und von vielen Seiten räumlich betrachten können. Und dabei findet man die Klangdateien, die man hören und mischen möchte.

Zit: “Bauten werden auf doppelte Art rezipiert: durch Gebrauch und durch deren Wahrnehmung. Oder besser gesagt: taktil und (kontemplativ). Die taktile Rezeption erfolgt nicht auf dem Wege der Aufmerksamkeit als (vielmehr) auf dem der Gewohnheit.“

E: …also nicht nach der Art des Sich-Hinein-Versenkens oder des Zuhörens, sondern durch Suchen, Versuchen, Abschreiten, Navigieren, Eingreifen, Verändern und wieder Versuchen…

Zit: “Sie findet viel weniger in einem gespannten Aufmerken als in einem beiläufigen Bemerken statt. Diese an der Architektur gebildete Rezeption hat kanonischen Wert. Denn: Die Aufgaben, welche in geschichtlichen Wendezeiten dem menschlichen Wahrnehmungsapparat gestellt werden, sind auf dem Wege der Kontemplation gar nicht zu lösen. Sie werden allmählich nach Anleitung der taktilen Rezeption, durch Gewöhnung, bewältigt.”

B: Walter Benjamin.

DIETER DANIELS
Die Gefahr ist natürlich, daß es sich auflöst in ein beliebiges Zappen und Surfen, als eine Form der Öffnung der Interaktion hin zur reinen Zerstreuung und zur Nicht-mehr- Konzentration auf einen überhaupt noch vorhandenen Inhalt. Das ist die andere Seite des Interaktiven, die von dem kommerziell gesteuerten Versuch, Attraktionen ständig zu schaffen und eine an die andere zu reihen, stark gefördert wird. Wo ich von einem zum nächsten jage und mich auf gar keinen Inhalt mehr konzentrieren kann.

ATAU TANAKA
This doesn’t mean that it’s up to us to accept everything…

ÜM: Ein Künstler muß nicht alles akzeptieren, was Hörer, was Teilnehmer in einen ästhetischen Prozeß hineingeben. – Indem ich als Künstler in und mit diesen gemeinschaftlichen Netzwerk-Umgebungen arbeite, verändert sich meine Rolle: Statt eines abgeschlossenen Werkes schaffe ich eine Situation, eine Art lebendige Umwelt. Und bei meinem künstlerischen Urteil geht es nicht um gut oder schlecht, um schön oder häßlich, sondern darum, herauszufinden, was in einem bestimmten Umfeld funktioniert – oder was angemessen ist oder nicht. – Ich verstehe mich auch als Filter, der die Umgebung, die er schafft, und ihre Reaktionsweise auf Besucher konsequent durchgestaltet.

ROY ASCOTT
The emphasis on art will be on the behaviour …

ÜM: Das Verhalten von Kunst wird künftig eine wichtige Rolle spielen, nicht so sehr ihre Erscheinung, ihr Klang, ihre inhaltliche Bedeutung.

Zit: “Ich weiß, daß ich nichts weiß”, denkt der sokratische Geist. So erfüllt sich ihm auch der Sinn der “Ars Sermonis”, der Kunst des Gesprächs, nämlich darin: den Rahmen zu bauen, das geistige Feld zu bestellen, seinem Gegenüber die rechte Frage zu finden, um ihm die Antwort in den Mund zu legen..

ROY ASCOTT
Or more to the point…

ÜM: Oder noch deutlicher. Die Semiologie zukünftiger Kunst wird weniger bedeutend sein als ihr Tun und Handeln. Man wird künftig immer besser in der Lage sein, ästhetische Umwelten zu schaffen, die ein komplexes aktives Verhalten zeigen.

E: Wenn das System die Unterhaltung in Gang setzt, dann ist die letzte Stufe der Interaktion erreicht. Dann hat sich die Vision, die hinter aller interaktiven Kunst steht, fast restlos erfüllt: die Kommunikation, die keine Polarität zwischen dem Wahrnehmendem und seinem Objekt mehr kennt, sondern nur noch Prozesse zwischen schöpferisch-aktiven Subjekten. Der Preis dafür? – Fortwährende Animation, die uns aus Kunst, Kommerz und Business bis in unsere individuelle Wahrnehmung hinein zu verfolgen droht. Das Zerfließen der Identität in der Fülle interaktiver Aufforderungen. Das Zerbröckeln der Autonomie, wenn nicht mehr klar ist: sind wir es, die uns die Kunst aneignen, oder ist es die Kunst, das System, die digitale Umwelt, die sich uns zu eigen macht?

(Leitmotiv)

E: Was schützt uns vor der telematischen Umarmung? Innehalten.
Innewerden.

A: Geduld

E: Konzentration Distanz
Zugang gewinnen. Unterscheiden können. Zuhören können.

ENDE

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