Unterhaltungen im Internet

HörSpiel als Interaktion

von Sabine Breitsameter

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E: Die Mittel: drei Telefonnummern, drei Anrufbeantworter, ein Mischpult, ein Internet- Anschluß, beliebig viele Anrufer von außen.

B: Stralsund, Ende Juli 2000

(Dialtone)

E: Wer bei “Dialtone” mitmachen will, ruft an, hat drei Minuten Zeit, seinen Text, seinen Klang von einem der Anrufbeantworter aufnehmen zu lassen, und hat damit der Installation nach eigenem Belieben akustisches Material beigesteuert.

(Man hört Beispiele)

TAMAS SZAKAL
Was mich interessiert, ist, an der Schnittstelle zwischen Telekommunikations-netzwerk und Klang zu arbeiten. Auszuprobieren wie eine Zusammenarbeit mit einem lokalen Publikum und Usern funktionieren kann .

E: Die verschiedenen akustischen Fäden der Installation laufen in einer Galerie zusammen. Dort sind die drei Anrufbeantworter mit einem Mischpult verbunden, das den Besuchern vor Ort erlaubt, die ankommenden Telefonate zu mixen, immer wieder aufs Neue. Dieser Mix kann auch aus der Ferne beeinflußt werden. Per
Fernabfragecodes, über die Tasten des Telefons, läßt sich bestimmen, welche Einspielungen in der Galerie mit abgemischt werden.

TAMAS SZAKAL
So kann man jede Nachricht anspielen, spulen und löschen. Damit besteht die Möglichkeit, nicht nur etwas live einspeisen zu können, sondern schon vorhandene Nachrichten wieder aufzufrischen. Dadurch kommen Klänge zustande, die von bis zu vier Leuten gleichzeitig manipuliert werden.

E: Über Inhalt und Gestalt von “Dialtone” entscheidet also ganz allein das Publikum. Was dabei an Mischungen aus- und durchprobiert werden kann, ergibt kaum ein inhaltlich koordiniertes Ganzes. Aber darauf sind die Teilnehmer vermutlich gar nicht aus. Der eigentliche Reiz für sie besteht darin, an einer Situation mitzubauen, eine akustische Umgebung mitzugestalten, sich in einem medialen Raum neu zu erfahren, und genau dort die Paradoxie zwischen zwar Eingreifen-, aber Nicht- Kontrollieren-Können zu durchleben. – Doch mögen die Teilnehmer es auch noch so sehr versuchen: aufgehoben wird diese Paradoxie in der Installation nirgends. Im Gegenteil: Sie birgt den Keim von Enttäuschungen: Das Versprechen, Einfluß auf eine offene ästhetische Situation zu erlangen, löst sich nicht ein: es wendet sich schließlich gegen sich selbst – durch die Willkür derjenigen, die wechselnd und anonym das Endergebnis bestimmen, ohne die künstlerische Absicht des einzelnen Beitrag zu würdigen. – So kann beim Teilnehmenden leicht ein Gefühl von Vergeblichkeit und Ohnmacht entstehen.
Tamas Szakal hat versucht dagegenzusteuern, indem er den Gesamtklang von “Dialtone” als Livestream im Internet überträgt, mit globaler Reichweite. Selbst wer am anderen Ende der Welt mit den Anrufbeantwortern in Stralsund in Kontakt kommen wollte, konnte so versuchen, seine Intervention dem aktuellen akustischen Geschehen anzumessen und konnte hören, was daraus wurde. – Gerade daran wird aber auch klar, daß wohl kein System, so offen es auch sein mag, das Machtgefälle zwischen Künstler und Publikum einebnen kann. Kein interaktives System kommt ohne steuernde Instanz aus, sei es durch unmittelbare Manipulation des “Outputs”, sei es durch das mittelbare Festlegen von Funktionsweisen und Regeln.

(“Dialtone” klingt aus)

DERRICK DE KERCKHOVE
Every media of communication is a medium that actually gives you a specific architecture…

ÜM: Jedes Kommunikationsmedium schafft dem Geist spezifische Bewegungsräume. Es stellt Gedanken und Wahrnehmungen eine Architektur zur Verfügung, welche diese, je nach Medium, auf ganz charakteristische Weise miteinander in Beziehung setzt. So generiert eine Architektur Sinn und Bedeutung. Das Medium selbst wird zur Botschaft.

E: Was Tamas Szakal mit seiner Installation “Dialtone” anbietet, ist prototypisch für viele künstlerischen Arbeiten im und mit dem Internet. Es ist nichts anderes als eine Reihe von Medien-Apparaturen, die aufeinander hin konfiguriert wurden, um andere, vielleicht neue Kommunikationsflüsse in Gang zu setzen. Eine solche Medienarchitektur vermag nicht nur akustisches Datenmaterial, gleich welchen Inhalts, auf bestimmte Weise zu prozessieren. Indem sie die eingespielte, tradierte Organisation der Sinne herausfordert, verlangt sie dem Publikum auch die Bereitschaft ab, sich dem Unverbürgten auszusetzen und in Interaktion mit der Apparatur den Sinn des Wahrgenommenen ständig und immer wieder neu auszuhandeln.

DIETER DANIELS
Nun gibt es diesen Anspruch an ein Werk, daß es perfekt zu sein habe, abgeschlossen zu sein habe, ewig gelten soll. Dieser Anspruch ist mit Anbruch der Moderne zu Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend kritisiert worden . Diesem einen Gedanken des in sich völlig gültigen Meisterwerks tritt zunehmend das Konkurrenzmodell gegenüber, daß eben ein Werk sehr wechselhafte Funktionen einnehmen kann, sich ständig im Austausch mit seinem Umfeld, seinem Kontext, seinem Hörer, Leser, Betrachter modifizieren kann und soll, um so etwas wie eine Offenheit ständiger Aktualität zu erzeugen.

E: Solche interaktiven Medien-Architekturen sind einem noch leeren Gebäude vergleichbar, das jedem neuen Bewohner die Möglichkeit gibt, es mit eigenen Inhalten auszukleiden, eigenen Aktivitäten zu bewohnen, geformt und kanalisiert vom Beziehungsgeflecht der Treppen, Flure, Schächte, Leitungen, Türen und Fenster. Über den Input, das konkrete Material, übt der Künstler dabei nur noch sehr indirekte Kontrolle aus. Denn dieses vom Künstler entworfene Beziehungsgeflecht ist es, das die Aktvitäten im Gebäude beeinflußt und formt.

ROY ASCOTT
That will be valued less in human culture than the ability to construct…

ÜM: Die Produktion von geschlossenen, endgültigen Werken wird in Zukunft geringer bewertet werden als die Fähigkeit des Künstlers, Bedeutungen: Wesenhaftigkeiten zu bauen. Es wird nicht so sehr darum gehen, eine gegebene Sprache zu benutzen oder zu schaffen, welche die subjektiven Erfahrungen und Gefühle des Künstlers ausdrückt. Kunst ist, und wird zunehmend sein, die Schaffung von Erfahrung in Gang zu setzen, so daß der Rezipient tätig eingreifend an diesem Prozeß teilnehmen kann. In diese Richtung wird sich Kunst verändern. Das geschlossene Werk wird dabei immer noch ein legitimer Bereich künstlerischer Produktion bleiben, allerdings innerhalb eines breiten Spektrum prozessual orientierter Kunst.

ROY ASCOTT
But it’s actually changing quite slowly. It isn’t as dramatic as any of us thought.

DERRICK DE KERCKHOVE
A third way of interactivity is when the machine reorganizes its database…

ÜM: Wenn die Maschine ihre Datenbank dem jeweiligen Input entsprechend neu organisiert, dann haben wir die dritte Stufe der Interaktivität. Hierbei wird die Struktur der Datenbank dem Bedürfnis des einzelnen User anverwandelt. Die Apparatur stellt ihre Informationen dann seinen Kriterien gemäß dar. Für das Internet bedeutet das: es werden zum Beispiel nur noch die Links dargestellt, die der thematischen Ausrichtungdes Nutzers entsprechen.

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