Radio-Wandel
Die Mobilisierung des Hörens
von Sabine Breitsameter
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E: 17. Dezember 2006: „You“, lautet der lapidare Titel der US-amerikanischen Wochenzeitung „Time“. Darauf eine Computertastatur sowie als spiegelnde Fläche ein Monitor, in der sich jeder Käufer der aktuellen Ausgabe betrachten kann, als „Mann“ oder „Frau des Jahres“.
ZF: „Du, Ja, Du“
E: so die Schlagzeile des Aufmachers
ZF: „Du steuerst das Informationszeitalter. Willkommen in Deiner Welt.“
Ansage: Radio-Wandel. Die Mobilisierung des Hörers Feature von Sabine Breitsameter
O: (Edisons frühe Aufnahme „Around the World on the Phonograph“ von 1885 liegt unter dem folgenden Text)
A: Schall auf die Reise schicken zu können: Diese Sehnsucht ist uralt. Thomas Alva Edison hat sie in seiner Aufnahme „Around the World on the Phonograph“ von 1885 dokumentiert, der wahrscheinlich ältesten noch vorhandenen Aufzeichnung seiner Stimme. Erhalten ist sie auf einem Wachszylinder des von ihm entwickelten Phonographen. Wer genau zuhört, vernimmt, wie der erfolgreiche US-amerikanische Erfinder und Vermarkter eine offensichtlich imaginäre Reise beschreibt, die in New York beginnt, sich von Liverpool aus weiter durch Europa fortsetzt, bis nach Asien.
(Edison-Aufnahme s.o.)
E: Rund um die Welt konnte die menschliche Stimme nun reisen, auf einem damals innovativen Tonaufzeichnungsgerät, eingeschrieben in die weiche Oberfläche des Phonographen, in Zinnfolie oder später Wachs, und jederzeit wiederbelebbar durch Edisons elektromechanisches Verfahren. Doch die Sehnsucht, Schall transportabel zu machen, reicht noch länger zurück. Bis in die mythologischen Zeiten aller Kulturen und Kontinente.
(Edison-Aufnahme s.o.)
ZA: So soll ein sagenhafter chinesischer König ein geheimnisvolles schwarzes Kästchen besessen haben. Dort hinein habe er seine Befehle gesprochen. Das Kästchen schickte er in seinem Königreich umher, damit seine Untertanen die Befehle hören und sie ausführen konnten.“ (Vgl. Tuning, 121)
O: (Edison-Brief von 1888, von James Whitehead, DRA) Mr. Edison, it affords me great pleasure….
ZA: Hier übermittelt der Lord Mayor von London im Dezember 1888 dem weltberühmten Edison seine Neujahrsglückwünsche.
E: Er sandte sie ihm – gespeichert auf einem Phonographen – als „gesprochenen Brief“ über den großen Teich, damals buchstäblich der letzte Schrei. Edison wollte damit seinen Phonographen vermarkten. Er selbst nutzte ihn ausgiebig in der Kommunikation zwischen seinem Büro in New Jersey und seiner Londoner Agentur. Schriftliche Korrespondenz komplett durch mündliche Aufzeichnungen zu ersetzen, das war es, was ihm vorschwebte.
(Man hört das Rauschen der Wachswalze)
A: Telefon, Radio, Schallplatte: Klang zu transportieren wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer selbstverständlicher: Ende der 50er Jahren machte das Kofferradio mobil. Tragbare Kassettenrecorder wurden ab Mitte der siebziger Jahre immer erschwinglicher. Sie erlaubten es, die kleinen praktischen Audiokassetten nicht nur zu hören, zu tauschen, zu verschicken, sondern auch zu besprechen und zu bespielen. Gesprochene Briefe auf Kassette mit eigenen Gedichten, eigenen Kompositionen, persönlichen Grußadressen waren bei den Teenagern im Zeitalter des Walkmans, zu Beginn der achtziger beliebt. Und überhaupt: der Walkman… Ein Gerät, klein genug für die Manteltasche, das den Hörer mit Stimmen, Musiken, Geräuschen nach Gusto versorgte, ihn per Kopfhörer einhüllte in den von ihm gewählten Klang und ihm das Hören in Bewegung ermöglichte.
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