Netzwerke und Schnittstellen

Der Medienkünstler Atau Tanaka

von Sabine Breitsameter

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Brenda
We would like to arrive in a world, where you have tactile input…

B: Wir wollen den Computer so weiterentwickeln, dass es keine spezielle Sprache mehr braucht, um mit ihm zu interagieren; dass wir keine Begriffe, Symbole und Handlungsweisen mehr haben, die sich über unsere Erfahrungen und Erkenntnisse stülpen. Deshalb arbeiten wir daran, die sensorischen Modalitäten auszuweiten, mit denen man mit dem Rechner in Austausch treten kann. Ohr und Stimme sind da wichtig, oder den taktilen Sinn umfassend einzubeziehen, Bewegung, Gesten oder auch das Gefühl, in der Gegenwart anderer Lebewesen zu sein.

Atau
This idea of human machine interaction is a very critical point in my work…

Ü: Die Mensch-Maschine-Interaktion spielt in meiner Arbeit eine ganz wichtige Rolle. Und in vielerlei Hinsicht steht dieses Thema für Zeit und Ort meiner prägenden künstlerischen Erfahrungen. Das waren die späten achtziger Jahre. Ich war dabei, mein Studium an der Stanford-Universität in Kalifornien abzuschließen. Und genau das war der Ort, wo das Mensch-Computer- Verhältnis sehr intensiv erforscht wurde.
Gleich in der Nähe, in Palo Alto, befindet sich das legendäre Xerox-Parc- Forschungs-Center. Dort wurde unter anderem die ”Maus” erfunden, ein Interface – man kann sich das heute kaum noch vorstellen – welches die Computerwelt Anfang der achtziger Jahre völlig revolutionierte, denn es ermöglicht, per intuitiver Handgeste, Daten einzugeben.

Atau
I was coming from the piano…

Ü: Ich kam vom Klavier her. Das heißt auf der Bühne zu sein und dort zu spielen war für mich ganz selbstverständlich. Allerdings bot sich das technische Equipment der elektroakustischen Studios kaum für spontane Live- Performances an. Es gab da zwar kommerzielle Synthesizer, mit einem Keyboard, die einem Klavier sehr ähnlich sehen. Für mich aber war das körperlich sehr unbefriedigend. Es fühlte sich einfach nicht wie eine Klaviertastatur an. Und als jemand, der am Verhältnis Mensch-Maschine interessiert ist, sah ich darin ein Problem.

Atau
So this is very much the subject that became the focus of all my interests…

Ü: Die Frage nach den Interfaces wurde zu meinem Hauptinteresse von Mitte der achtziger Jahre an. Ich habe damals die Design-Diskussionen, die einem Produkt wie der Maus vorausgegangen sind, genau verfolgt. Ich habe mich ausführlich mit der Theoriebildung auf diesem Gebiet befaßt. Die Frage nach alternativen Interfaces, nach Geräten, welche beispielsweise die elektronische Klangproduktion über traditionelle Instrumente wie Gitarre oder Holzblasinstrumente steuerten, war damals in den Experimentalstudios ein wichtiges Thema.

St: Dass Aktivitäten des Körpers auf elektronisch vermitteltem Weg Klänge auslösen und komponieren, war spätestens seit den 70er Jahren ein wichtiges Thema in der akustischen Avantgarde. Alvin Lucier wurde damals mit seinen Experimenten weltberühmt, in denen eine bestimmte Art von Gehirnwellen, von einem Messgerät erfasst, Resonanz-Körper zum Schwingen brachten. Peter Vogel aus Freiburg gewann mit seinen ”Klangwänden” internationales Renommé, deren Sound von den Körperbewegungen der Besucher gesteuert wird. Etwas später nutzten die Klanginstallationen der Christina Kubisch drahtlose Kopfhörer, die nunmehr erlaubten, dass sich die zahlreichen Schallquellen, aus denen ihre Arbeiten bestehen, durch die Bewegung des einzelnen Besuchers im Raum individuell wahrnehmen und mischen lassen.

(Musik Tanaka)

E: Eine Bühne – eine Leinwand – davor Tanaka. Neben ihm zwei Computer. Die Bewegungen seiner Arme sind von eigenartiger Präzision, muten an wie Beschwörungs-Rituale, Kampfkunst-Gebärden. Gesten und Klänge scheinen miteinander in Verbindung zu stehen, ebenso die abstrakten, fließenden schwarz-weiß-Strukturen auf der Leinwand.

(Musik Tanaka)

E: An den Unterarmen Tanakas sind Elektroden befestigt. Sie messen die Nerven-Impulse, die aus der Muskelspannung hervorgehen, und leiten sie an den Rechner weiter. Diesen Daten sind bestimmte Klänge, Soundstrukturen und visuelle Patterns zugeordnet. Die Armbewegungen sind nicht nur Ursache der Klänge, sie modulieren diese auch – je nach Intensität der Muskelspannung. Anders als bei einer Klaviertaste, die nur die Zustände an oder aus kennt, ja oder nein, wird der Spannungs- und Entspannungsprozeß der Muskeln als flexibles, wandelbares akustisches Kontinuum umgesetzt.

(Musik Tanaka)

E: Tanaka spielt seine BioMuse: ein von ihm entwickeltes Performance- und Kompositions-Instrument, ”Bio” bezieht sich auf die Körperlichkeit dieses Instruments, ”Muse” auf Muse. Beides zusammen steht für die unmittelbar aus dem Körper hervorgehende Anregung und Inspiration, die den Rechner zum Klingen bringt. – Ihre Uraufführung erlebte die BioMuse 1992 in Stanford, Kalifornien.

St: Bewegung in Klang umsetzen, Gesten in akustische Abläufe: auch Violine, Pauke, Harfe tun das oder der Dirigent eines Orchesters. Die BioMuse geht allerdings einen Schritt weiter: Jegliches akustische Material kann in ihre Datenbank eingehen – ganz egal, ob Sprache, Geräusch, Musik. Das Instrument hat also kein definiertes Vokabular, keinen typischen Klang, sondern erscheint immer wieder anders.

E: Für jedes Stück wählt Tanaka spezielle Materialien und Strategien, welche, ausgelöst durch seine Gestik, Inhalt, Ablauf und Aufbau der Komposition fügen. Zwar sind Material und Struktur der jeweiligen Komposition festgelegt, da jedoch Tanaka die Choreographie seiner Bewegungen und seine Muskelspannung nicht exakt festlegen kann, klingt das selbe Stück, dargeboten in verschiedenen Aufführungen, oft unterschiedlich. Und genau das ist seine Absicht. Die Atmosphäre der Aufführung, die Reaktionen des Publikums, der Klang des Saals – all das beeinflusst seine körperliche Präsenz als Performer und steuert das akustische Ergebnis für jede Situation neu.
Verschaltungen, Zuordnungen, Verknüpfungen der einzelnen Klang- Parameter werden unabhängig von der konkreten Aufführung vorgenommen und für jedes Stück vorab extra festgelegt: – Die kompositorische Leistung besteht nicht darin, den Körper und seine Aktivität in Daten umzusetzen. Sie besteht darin, den vom Körper erzeugten Daten ihre Klänge zuzuordnen, für jedes Stück neu, und die Programmierung zu finden, die diese Daten organisiert, formt und zur Klangfolge fügt.- Die Programmierung fällt die künstlerische Entscheidung.

(Musik Tanaka)

Atau
The BioMuse takes a technology, that has with other reseachers many applications with the handicapped..

Ü: Die BioMuse ist ursprünglich für Körperbehinderte erfunden worden, um ihnen den Alltag zu erleichtern. Ich benutze sie, um zu komponieren. Mir geht es nicht darum, dass sie als Instrument nun jedem zur Verfügung steht, sondern um die Frage, was sie als Interface bedeutet. Was sie aussagt über unser Verhältnis zur Maschine im digitalen Zeitalter.

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