Netzwerke und Schnittstellen

Der Medienkünstler Atau Tanaka

von Sabine Breitsameter

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Ü: Ich kann Komponist sein, indem ich Arbeiten schaffe, die leer sind. Ich nenne diese Kompositionen: Musik ohne Inhalt. Ich wähle bewusst dieses provokative Wort, um einen wichtigen Teil meiner Arbeit zu beschreiben, die ich fürs Internet schaffe. Mp3q ist ein gutes Beispiel dafür. Wenn ich sage: ohne Inhalt, dann meint das: es handelt sich um eine Komposition, die in ihren Anfängen keinerlei akustisches Material beinhaltet, und die sich in dem Maße mit Material füllt wie das Publikum Daten hineingibt.

(Musik Tanaka und mp3q)

E: Tanaka stellt einen Rahmen bereit für eine Komposition mit verteilter Urheberschaft: Das Internet versteht er als disparaten Raum – bestehend aus Daten, die auf weltweit verteilten Servern lagern – und als gemeinschaftlich nutzbare Umgebung. Mit Hilfe einer geeigneten Software und ihrer kreativen Programmierung macht er diesen Raum und sein interaktives ästhetisches Potential für seine Hörer zugänglich. mp3q ist eine Umgebung, die wächst, in Bewegung ist, eine Art Verhalten zeigt, und die wiederum dem User ein bestimmtes Verhalten ermöglicht. Nur das Zusammenwirken von Maschine, Komponist und den vielen Rezipienten führt zu einem hörbaren Resultat.

(Musik bleibt liegen)

Atau
But I think we know the dangers….

Ü: Wir kennen die Gefahren, wenn jeder ein Künstler sein kann und sein Material in eine offene Struktur hineingibt – dann klingt alles bald schon wie eine fade Suppe. Deshalb behalte ich mir vor, hin und wieder das, was völlig aus dem Rahmen fällt, auszusondern oder zumindest auf bestimmte Art zu ordnen.

(mp3q)

E: Tanaka versteht sich in solchen Fällen keinesfalls als Zensor, sondern als Filter, der die freien Eingaben der Teilnehmer behutsam mit seinem ”Masterplan” in eine produktive Balance zu bringen sucht.

(mp3q)

E: Die Grenze zwischen Komponist, Interpret und Publikum ist bei solchen Kompositionen nahezu aufgelöst. Wer ist es, der hier komponiert? Wer trifft hier die künstlerischen Entscheidungen?

St: Der Künstler formuliert Regeln und Prozesse, welche die Audio-Daten in Fluß und miteinander in Beziehung bringen. Der Hörer füllt den Rahmen mit Input, und lässt die Komposition durch seine stets reversiblen Handlungen immer wieder neu und anders manifest werden.

E: Die Voraussetzungen für all das schaffen aber letztlich der Rechnerverbund Internet, seine Kommunikationsarchitektur, seine Prinzipien des Datenaustauschs. Diese Maschinerie komponiert mit. Sie stellt einen Raum, der sein Klang-Material auf bestimmte Weise organisierbar und zugänglich macht, und darüber hinaus ein wechselseitiges Verhältnis zwischen Künstler und Publikum ermöglicht. Erst das Vorhandensein dieser Technologien macht die Realisierung derartiger interaktiver kompositorischer Konzepte, die seit Mitte der sechziger Jahre mit immer größerem Nachdruck formuliert werden, vollends möglich. Künstler, Publikum und Maschine sind hier in den kreativen Entstehungsprozeß gleichermaßen involviert. – Die Kontaktfläche zwischen den dreien ist das grafische Interface der Website.

(mp3q hoch, Ausblende)

Brenda Laurel
I first got involved … in 1977. In those days people who worked with computers…it was a very hierarchical process…

B: Bis in die achtziger Jahre hinein war die Arbeit mit Rechnern ein sehr hierarchischer Prozess. Die Person, die den Computer bediente – das waren fast ausnahmslos Männer damals – arbeitete fast völlig losgelöst von ihren Nutzern. Der Computer galt als etwas Abstraktes, Technizistisches, er wurde nicht mit menschlicher Kommunikation oder gar Ästhetik in Verbindung gebracht. Bis heute existiert in der IT-Industrie die Vorstellung von einer Elite oder fast schon einer Priesterkaste. – Technik wird von Technikern gemacht. Für Computer bedeutet das bis heute, dass ihre Hardware und ihre Programme das Technische über alles betonen, aber kaum ihr Verhältnis zum Körper, den Sinnen, zu Intuition und assoziativem Denken reflektieren.

St: Brenda Laurel, ehemals Schauspielerin, Theaterwissenschaftlerin, seit Mitte der achtziger Jahre eine führende Forscherin für interaktive Medien und Interface Design.

(Musik Tanaka)

E: Aus der US-amerikanischen Alternativbewegung gingen die wichtigsten Initiativen für die Entwicklung benutzerorientierter Computer hervor. Dies in eigentümlicher und zum Teil schwer abgrenzbarer Parallelität mit dem Militär.

War die Absicht des einen, im Ernstfall möglichst umstandslos ein komplexes Gerät bedienen zu können, so sahen die anderen, die Alternativen, Computer und Netzwerke als Instrumente, um Protest-Aktionen zu koordinieren, Informationen zu archivieren und um Bildungs-Horizont und kommunikative Handlungsspielräume zu erweitern.
Weit mehr noch als die Unterhaltungsindustrie hat die nordamerikanische Computer-Gegenkultur das hervorgebracht, was einem Nicht-Spezialisten die Bedienung eines Rechners ermöglicht: Statt Befehle als komplizierte alphanumerische Codes einzugeben, arbeiten man heute mit Fenstern, Pop- Up-Menüs, Maus, und seit einiger Zeit gibt es Programme, die per Stimme gesteuert werden können. – In kaum einem anderen Bereich wird das kulturelle und gesellschaftliche Gewicht von Design-Entscheidungen deutlicher als bei der Gestaltung von Hardware und Software.

(Musik Tanaka endet)

Brenda
What has changed is the incredible growth…

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