Netzwerke und Schnittstellen
Der Medienkünstler Atau Tanaka
von Sabine Breitsameter
(Musik Tanaka)
E: Atau Tanakas Kompositionen arbeiten auf der Basis avancierter Technologien: mit dem Internet und seinen Prinzipien des Datenaustauschs; mit komplexen Soundprocessing-Softwares neuester Servertechnologie und dynamischen Datenbanken; mit Sensoren, Infrarot-Steuerung und der Computersimulation von physikalischen Vorgängen.
Seine Kompositionen verfolgen den Anspruch, Technik nicht einfach nur zu nutzen, sondern machen sie zum Thema: führen vor, wie sie Klang verändert, medialisiert und so seine ästhetische und gesellschaftliche Bedeutung prägt; wie ihr metaphorischer Gehalt hervortritt und mit ihrer Digitalität in Spannung gerät.
(Musik Tanaka Ausblende)
Atau
And it has always been to say…
Ü: Ich vertrete den musikalischen Standpunkt in der Welt der Medienkunst.
St: …den der akustischen Medienkunst, einem Genre, das im Grenzgebiet zwischen Musik, Hörspiel und Performance Art changiert.
(Musik Tanaka)
E: Dort, wo Systeme, Prinzipien und scheinbar verbürgte Grenzen aufeinandertreffen, setzen Tanakas Arbeiten an, suchen nach Übergängen, Koppelungen, Hybridisierungen: zwischen nah und fern, zwischen Senden und Empfangen, zwischen Künstler und Publikum, zwischen Rezipieren und Produzieren, zwischen Mensch und Maschine, zwischen analoger Physis und digitalem Prozess.
Atau
I have a personal approach that has to do with taking a point of view of the technology..
Ü: Ich gehe zunächst von der jeweiligen Technologie selbst aus. Ich will sie zum Klingen bringen, ihre Qualitäten und ihre Begrenzungen kreativ nutzen.
(mp3q, man hört es längere Zeit)
E: Auf dem Bildschirm ein Quader, der aus einer großen Zahl grafischer Linien zusammengesetzt ist. Gleitet man mit der Maus hin und her, kann das geometrische Gebilde gedreht, verkleinert oder vergrößert werden. Dabei sieht man: die unzähligen Linien sind Webadressen, die zu Klangdateien führen. Diese lagern im mp3-Format auf Dutzenden von Servern im Netz weltweit verteilt.
St: Mp3q nennt Atau Tanaka diese Klanginstallation, die seit Herbst 2000 im Internet zugänglich ist.
(mp3q)
E: Wer eine dieser alphanumerischen Linien per Mausklick aktiviert, bringt sie dazu, hin und her zu pendeln. Pro Webadresse, pro angeklickter mp3-Datei wird dann eine Komposition hörbar. Aktiviert man mehrere gleichzeitig, mischen sie sich zu reizvollem Vielklang und pendeln gemächlich durcheinander wie ein Pulk asynchroner Metronomzeiger.
Auswählen, zurücklehnen, zuhören – und wieder neu ausprobieren: Mehr braucht der Hörer zunächst nicht zu tun. Mp3q funktioniert wie eine groß- dimensionierte Jukebox, aus deren Angebot man mehrere Titel gleichzeitig auswählen kann. Aus dieser Fülle können immer neue ausgewählt und gemischt werden: durch die Auswahl des Hörers ergeben sich immer neue polyphone Konstellationen.
(mp3q endet)
Atau
This was my response to the proposition.
Ü: mp3q ist meine Antwort auf die Botschaft, die Netzwerke seien ein demokratischer Raum, in dem jeder veröffentlichen kann: Spätestens seit dem Aufkommen des mp3-Datenformats heißt es nun häufig, wir bräuchten nun keine Schallplattenfirmen, Rundfunkanstalten oder Verlage mehr: man stellt seine Kompositionen einfach ins Netz, und jeder kann sie hören, runterladen und damit machen, was er will. – Ein solches Denken gefährdet meine angestammte Position als Komponist. Gleichzeitig fordert es mich dazu heraus, schöpferisch darauf zu reagieren: Es erscheint mir nicht angebracht, im Internetzeitalter wie ein Autor alten Stils aufzutreten und zu sagen: ich schaffe ein fertiges Stück, und stelle es im Internet den Hörern zur Verfügung. Das Internet ist eine Struktur für den Austausch von Daten und für deren gemeinschaftliche Nutzung, und auf dieser Grundlage möchte ich als Komponist in diesem Medium arbeiten.
(Musik Tanaka)
E: Deshalb fordert Tanaka die Hörer, User von mp3q ausdrücklich dazu auf, nicht nur die Sounddateien nach Gutdünken zu mischen, sondern eigene Kompositionen beizutragen, sofern sie im Internet zugänglich sind. Deren Webadressen können in ein dafür bereitstehendes Textfenster eingegeben werden und in das grafische Gebilde eingebaut, nachdem Tanaka sie auf etwaige Copyrights hin geprüft hat. Sie reichern die Polyphonie des Gebildes weiter an. So wächst es weiter – graphisch und akustisch. Gemeinsam bauen Komponist und User an einer Klangskulptur im Internet.
(Musik Tanaka endet)
Atau
I can be a composer creating musical works, that are empty… I call them contentless music
