Mitteilungsbedürfnis und freie Meinungsäußerung

Tim Pritlove im Gespräch mit Sabine Breitsameter

pritlove

„Beim Podcasting wird ein Bedürfnis nach Mitteilung sichtbar. Aber auch ein Ausleben von Meinungsvielfalt, um sich selbst als Meinungsteilhaber in den Raum zu stellen: Man selbst beginnt, eine Diskussion im Netz zu eröffnen, indem man einfach seine eigene Meinung in Worte kleidet und diese Worte dann auch publiziert.“

Sabine Breitsameter:
Tim Pritlove, als ein Protagonist des „Chaos Computer Club“ hast Du Dich  mit der Dynamik des Internet schon sehr früh auseinandergesetzt hat. Wie bist Du schließlich zum Thema Podcasting gekommen?

Tim Pritlove:
Ich habe schon seit längerer Zeit Radioerfahrung, weil wir mit dem „Chaos Computer Club“ vor 11 Jahren mit einer Sendung namens „Chaosradio“ begonnen haben: Wir haben die Möglichkeit gehabt, beim Radiosender Fritz vom ORB, heute RBB, einmal im Monat eine Drei-Stunden Talksendung zu machen zu unseren Themen, die wir auch frei gestalten können. Wir haben schon immer die Aufzeichnungen der Sendung in das Internet gestellt. Die Leute konnten sich das herunterladen. Podcast ist ja im Grunde nichts anderes, als dass dieser Vorgang vereinfacht wird.

Sabine Breitsameter:
Der User, der Hörer kann durch Podcasting auch auf einfache Weise, ohne größeren Aufwand, zum Sender werden. – Die Frage ist nur, was veranlaßt eigentlich Internet-Nutzer dazu, Sender zu sein?

Tim Pritlove:
Da ist auf jeden Fall ganz klar sichtbar ein Bedürfnis nach Mitteilung. Aber auch ein Ausleben von Meinungsvielfalt, um sich selbst als Meinungsteilhaber in den Raum zu stellen: dass man selbst beginnt, eine Diskussion zu eröffnen im Netz, indem man einfach seine eigene Meinung in Worte kleidet und diese Worte dann auch publiziert.
Für die junge Generation ist Internet so etwas Normales wie eine Steckdose oder ein Wasserhahn, und so muss das ja auch sein. Und das ist, glaube ich, auch eines der Versprechen des Web 2.0, was ein Begriff ist, der immer gerade so gedreht wird, wie es dem einzelnen passt. Trotzdem steckt da schon etwas dahinter: Der Begriff bezeichnet ja das Erwachsenwerden der Technologien auf der einen Seite, und auch die Gewöhnung der Menschen an das Internet auf der anderen Seite.

Sabine Breitsameter:
Aber wird da letztendlich nicht viel zu viel produziert? Wer soll das alles hören? Wem nützen diese vielen tausend Podcasts?
Tim Pritlove:
Podcasts bieten die Möglichkeit, Nischen anzusprechen, die man halt so im öffentlichen oder auch privaten Radio gar nicht bedienen kann. Ich kann ein Thema machen, was zehn Leute interessiert, und schon hat das Ding seine Legitimation. In Zukunft werden viele erfolgreiche Podcasts wiederum ihren Weg ins öffentliche Radio finden, weil sich  gezeigt hat : Im Netz gibt’s ein Interesse dafür,  das ist also ein interessantes Thema.

Sabine Breitsameter:
Ein großes Hindernis ist allerdings die rechtliche Situation für Podcaster. Für den privaten Podcaster, hinter dem keine Organisation steht, ist es riskant, Texte oder Klänge zu zitieren geschweige denn inhaltlich oder ästhetisch produktiv einzusetzen.
Tim Pritlove:
Die Leute zitieren und werden halt gleich in Grund und Boden geklagt für  nichts und wieder nichts. Das ist sinnfrei, das nutzt wenigen und ist einfach der gesamten Kultur nicht zuträglich.
Lizenzsysteme wie die Creative Commons bieten zumindest einen Werkzeugkasten mit dem man explizit sagt: „Das, was ich produziere, das ist in einem bestimmten Maße frei. Und das heißt, ihr braucht euch nicht direkt an mich zu wenden, ihr könnt meine Inhalte erst mal nehmen und verwerten.“
Das, was sich da bisher abzeichnet, bewerte ich sehr positiv. Aber wenn wir uns einfach nur auf das Geld stützen und wenn es einfach nur so gilt, dass derjenige der am meisten juristische Kraft hat sich durchsetzt, dann wird es einfach eine kulturarme Landschaft werden, und das kann nicht gut werden.

Sabine Breitsameter:
Danke für das Gespräch, Tim.

Biographie

Tim Pritlove ist seit 20 Jahren im digitalen Datenverkehr zu Hause
und seit den 90er Jahren aktives Mitglied des Chaos Computer Clubs.
Dort zeichnet er für die Organisation von Kongressen und die
Lichtinstallation „Blinkenlights“ verantwortlich. Tim Pritlove ist im
Team der monatlichen Radiosendung “Chaosradio” (auf Radio Fritz, RBB) und produziert den  Podcast “Chaosradio Express”.

verfasst im August 2007 unter Das Interview

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