Kommunikation mit dem Publikum

Der Komponist Frank Niehusmann im Gespräch mit Sabine Breitsameter

Niehusmann Foto JAPAN

„Ich hab, das war Teil meines künstlerisch erfundenen Rituals, jeden Tag eine drei Minuten-Komposition angefertigt, und ich habe mir gesagt, das ist ungesichert, und ich weiß, man muss Abstand dazu kriegen. Und wohin damit, einfach auf der Festplatte vergraben, gefiel mir nicht, ich wollte es ausstellen. Nach dem Motto, „Kann so schlimm nicht sein, mal sehen, was Leute dazu sagen, die es hören“ hab ich das anfangs wirklich jeden Tag.“

Sabine Breitsameter:
Frank Niehusmann, Sie sind einer derjenigen Komponisten zeitgenössischer Musik, der sich schon sehr früh mit Podcasting beschäftigt hat. Warum?

Frank Niehusmann:
Also bei mir fing die Geschichte im Mai 2005 an, da kam ich aus Japan zurück und hatte sehr viele Eindrücke im Kopf, und ich hatte die Idee, mich mit kleinen Formen zu beschäftigen. Das Neue und das Kleine haben dann für mich als Komponist, der auf dem Computer arbeitet, zwar sehr schnell zu privaten Ergebnissen gefunden, aber was nun damit machen? Weil a) das war für mich noch nicht wirklich gesichertes Kunstergebnis b) das war sowieso schon mal in den ersten Wochen und Monaten kein abendfüllendes Konzertprogramm. In der Überlegung kam mir dann im  Mai 2005 die Podcast-Technologie als was ganz Tolles und relativ Neues entgegen.

Sabine Breitsameter:
Wie haben Sie begonnen, Ihre Begeisterung in die Tat umzusetzen?

Frank Niehusmann:
Ich hab dann zunächst mal mit ein paar Kollegen und meinem Webmaster gesprochen, der junge Mann, der meine Webseite versorgt, und alle wussten gar nichts und hatten nur etwas raunen gehört, und ich dachte mir: Kann nicht sein, bist Du plötzlich so weit vorne?

Sabine Breitsameter:
Sie haben dann begonnen „Daytracks“ zu produzieren, eine Reihe akustischer Miniaturen. Wie lief das konkret ab?

Frank Niehusmann:
Ich hab, das war Teil meines künstlerisch erfundenen Rituals, jeden Tag eine drei Minuten-Komposition angefertigt, und ich habe mir gesagt, das ist ungesichert, und ich weiß, man muss Abstand dazu kriegen. Man muss das einfach mal, so wie der Metzger sagt, hängen lassen, das muss erst mal ein bisschen lufttrocknen. Und wohin damit, einfach auf der Festplatte vergraben, gefiel mir nicht, ich wollte es ausstellen. Nach dem Motto, „Kann so schlimm nicht sein, mal sehen, was Leute dazu sagen, die es hören“ hab ich das anfangs wirklich jeden Tag hochgeladen und da gab’s jeden Tag drei neue Minuten von mir im Netz.
Und dann ist das auch sehr schön, dass der einsame Fleiß des Komponisten mitten zwischen seinen ungesicherten Erfindungen plötzlich im Monat 150 bis 200 Mal runtergeladen wird und die Leute manchmal sogar was dazu schreiben. Und plötzlich so irgendwie nach drei, vier Wochen findet man, dass es Links dazu gibt.

Sabine Breitsameter:
Insgesamt sind da innerhalb eines Zeitraums von x Monaten y Kompositionen entstanden. Wieso hat Sie das Podcasting derart fasziniert?

Frank Niehusmann:
Die neue Möglichkeit mit der neuen Technik mit einem Publikum zu kommunizieren und das auch noch auf der spielerischen Ebene. Dann kam der Punkt, da habe ich dann gesagt: So, jetzt kommt die erste CD, jetzt erkläre ich etwas für gesichert. Und dann stelle ich fest, Du hast hier (.) Kompositionen der Öffentlichkeit vorgestellt, da sind ja manche unglaublich schwachen Sachen dabei. Die Filtration, welche 20 dann auf die CD kommen, war dann schon ein Blick in den Abgrund.

Sabine Breitsameter:
Wie haben Sie es geschafft, innerhalb kurzer Zeit stets etwas Originales und Schöpferisches zu produzieren?

Frank Niehusmann:
Wenn ich mein System erkläre, dann ist eigentlich sofort klar, es handelt sich hier nicht im schlechten Sinne um eine Fließbandarbeit. Weil, ich habe zwei Qualitäten, auf denen ich jeden Tag versuche neu ein Tor zu schießen. Die eine Qualität ist, dass ich als Sammler von Klängen und Geräuschen über die Jahre mit dem Archiv eine Basisqualität geschaffen habe, aus der ich nun schöpfen kann, weil es mein Archiv ist. Und der zweite Punkt ist, ich habe mir selber eine Software-Struktur geschaffen, programmiert, die wesentliche Grundregel und Basis dieser Podcast-Komposition gewesen ist. Das ist keine triviale Angelegenheit. Das ist definitiv das Gegenteil von Fließbandarbeit, aber es ist jeden Tag die Chance, etwas total in den Sand zu setzen.

Sabine Breitsameter:
Ich finde, daß Ihnen bei Ihren Daytracks sehr viel Hörenswertes gelungen ist. Warum haben Sie mit Ihren Daytracks aufgehört, abgesehen davon, daß es doch recht viel Arbeit war, immer wieder etwas Neues zu produzieren?

Frank Niehusmann:
Es gab dann ganz schnell im Laufe des Jahres 2006 das Phänomen, dass die ganzen Podcast-Situationen, die ja Kommentierungen jedes Eintrages zulassen, die comments, dass die plötzlich von irgend welchen unsäglichen Spammern überflutet wurden mit Hunderten von Einträgen, dass man in irgend einem Onlinekasino mitspielen soll oder irgendwelche anderen Dinge tun soll. – Podcast hat so was ähnliches zu unserer Zeit beigetragen wie vielleicht Ende der 60er Jahre so Begriffe wie „Summer of Love“ oder so. Das ist ne historische Phase, die kann man sich gar nicht kurz genug vorstellen. Es war mal kurz etwas möglich und es war leicht möglich und es war unschädlich möglich, und das geht ganz schnell vorbei …

http://www.niehusmann.org/daytracks.html

Niehusmann Foto HOMEPAGE

Biographie

Frank Niehusmann, * 1960, Studium der Philosophie und Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum, (MA, 1986). 1983 bis 1998 Rundfunk- und Fernseh-Autor. Beschäftigung mit elektronischer Musik seit 1978, Werke für Radio-, Film-, Video-, TV- und Theater-produktionen und zahlreiche internationale Konzerte. Auszeichnung beim 29. Inter-nationalen Wettbewerb für Musik und Klangkunst in Bourges (Frankreich) 2002, Stipendium als Gastkünstler am “ZKM – Institut für Musik und Akustik” in Karls-ruhe 2004. Seit 2006 Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für elektro-akustische Musik DEGEM. CDs im Vertrieb von www.NURNICHRNUR.com.

Werk-Liste (Auswahl):

Day Tracks (2005-2007)
UA: D – Preetz (Klang-Galerie)
[ http://www.niehusmann.org/daytracks.html ]

Untertagemusik Nr.2 (2006)
UA: D – Mülheim a.d. Ruhr (CinemaxX)

Achtung! Future! (2005)
UA: J – Osaka (Arts-Aporia)
[ http://www.niehusmann.org/achtungfuture.html ]

WAS DA LOS IST (2004)
UA: D – Karlsruhe (ZKM)

Maschinen – ein Hörspiel (2003)
UA: UK – London (Resonance FM)
[ http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/klangkunst/368786/ ]

Inkan (2003)
UA: D – Essen (Zeche Königin Elisabeth)
[ http://www.niehusmann.org/inkan.html ]

Maschinenraum (2002)
UA: UK – Leeds (University of Leeds 2003)
[ http://www.niehusmann.org/maschinenraum.html ]

Untertagemusik Nr.1 (2000)
UA: D – Bochum (Film-Festival “Blicke aus dem Ruhrgebiet”)
[ http://www.niehusmann.org/untertagemusik1.html ]
[ http://www.niehusmann.org/cd_live.html ]

Schnitt (1999)
UA: D – Essen (Galerie Schütte)
[ http://www.niehusmann.org/schnitt.html ]
[ http://www.niehusmann.org/cd_live.html ]
[ http://www.block4.com/cgi-bin/konzerte.pl?Jahr=&Musiker=Frank+Niehusmann&Modus=Data ]

Fragrance (1998)
UA: D – Essen (Kunsthaus)
[ http://www.niehusmann.org/fragrance.html ]

Heimat & Antarktis (1993)
UA: D – Düsseldorf (Schloß Benrath)
[ http://www.niehusmann.org/heimatundantarktis.html ]

verfasst im Juni 2007 unter Das Interview

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