Ein Teil des Prozesses werden
Michael Noble im Gespräch mit Sabine Breitsameter

“Ein großer Teil der Forschung findet hinter verschlossenen Türen statt und wird erst präsentiert, wenn sie beendet ist. Selbst dann wird sie nur Spezialisten vorgestellt. Auch wenn ein ganz normaler interessierter Mensch nicht über die notwendigen Ressourcen verfügt, einen wissenschaftlichen solche Diskurs mitgestalten, so hat er vielleicht doch etwas Wichtiges dazu beizutragen. Speziell, wenn es um die Soundscape-Forschung geht. Soundscape betrifft jeden. Sie ist Teil unseres Lebens. Deshalb sollte sich jeder zu diesem Thema öffentlich äußern können.”
Der junge australische Künstler-Forscher Michael Noble begann sein “looplog” (bitte Link zum aktuellen Audiolink) im Internet Ende 2006. Er möchte damit die theoretische und praktische Reflexion sowie den Austausch zu den Themen Sound und Soundscape anregen.
Sabine Breitsameter:
Michael, Sie wollen einen öffentlichen, lebhaften Diskurs über Klang, Soundscape und Sound Art anregen. Warum nutzen Sie dafür das Internet?
Michael Noble:
Von Anfang an wollte ich das Internet nutzen, weil es ein ganz normales Medium ist. Ich will meine Inhalte nicht als fertige Werke präsentieren, sondern sie als prozesshafte Praxis darstellen. Ich möchte den Prozess sichtbar machen, um die Inhalte, um die es mir geht, in Umlauf zu bringen. Ich versuche mit der Website zu vermeiden, nur eine Stimme zu sein, die ihre Ideen ständig wiederholt. Ich möchte nämlich nicht irgendwo steckenbleiben, und meine Ideen erreichen keinerlei Gleichgesinnte, erhalten kein Feedback. Das möchte ich unbedingt vermeiden.
Sabine Breitsameter:
Wäre nicht eine Institution wie zum Beispiel die Universität eine angemessene Umgebung dafür, Debatten und Diskurse anzuregen? Oder anders ausgedrückt: Warum genügt Ihnen eine solche Institution nicht?
Michael Noble:
Mir ist klar geworden, daß ich viel öfter mit Technologie arbeite als direkt mit anderen Menschen. Ich möchte die ARbeit von Mensch zu Mensch nicht abwerten, aber die Botschaften, die vom Internet und den neuen Social-Software-Technologien ausgehen, sprechen mich sehr an. Sie appellieren an mich: Versuche Möglichkeiten zu schaffen, damit die Gemeinschaft der Gleichgesinnten größer werden kann. Versuche das zu entdecken, was man nur dann erkennen kann, wenn eine große Gemeinschaft von Gleichgesintten sich damit beschäftigt. Wenn man sich nur an den Stimmen von Experten orientiert, dann verfügt man tatsächlich über eine strenge Kontrolle über das, was an Wissen in Umlauf kommt, über das, was kommentiert und als Feedback zurückgegeben wird. Man kontrolliert dann sehr rigide welche Stimmen, welche Haltungen privilegiert werden und welche Stimmen ausgegrenzt werden.
Sabine Breitsameter:
Auf welche Weise könnten diese bislang ausgegrenzten Nicht-Experten zu einem interessanten Diskurs beitragen?
Michael Noble:
Das, was sie beitragen, läßt sich vielleicht als Rauschen verstehen. Aber wir haben die Technik, dieses Rauschen sehr effektiv zu filtern. Wenn wir nur das erforschen, was geschlossene Netzwerke – wie zum Beispiel die akademische Welt – produzieren, dann schaffen wir damit gleichzeitig eine Distanz zu einem breiteren Publikum. Wir befinden uns im Elfenbeinturm. Ein großer Teil der Forschung findet hinter verschlossenen Türen statt und wird nur dann präsentiert, wenn sie beendet ist. Und auch dann wird sie nur Spezialisten vorgestellt. Auch wenn ein ganz normaler interessierter Mensch nicht über die notwendigen Ressourcen verfügt, einen wissenschaftlichen solche Diskurs mitzuführen, so hat er vielleicht doch etwas Wichtiges dazu beizutragen. Speziell, wenn es um die Soundscape-Forschung geht. Soundscape betrifft jeden, jeder ist von ihr umgeben. Deshalb sollte jeder etwas dazu sagen dürfen. Das Internet unterstützt uns bei der Soundscape-Forschung, und wenn ein solches Forschungs-Projekt vorbei ist, kann man mittels Internet ein Dokument erstellen, das offen ist für Kommentare und Ergänzungen. Auf diese Weise ist der Prozess nicht abgeschlossen, sondern kann weitergehen, indem man einen Teil der Kontrolle an andere Menschen abgibt, damit diese weiterarbeiten können.
Das selbe ist mit der Open Source Software-Bewegung, die u.a. entstanden ist, damit Softwares sich weiterentwickeln können, auch wenn der eigentliche Schöpfer aufgehört hat, daran zu arbeiten. Das ist das Grundprinzip auch meiner Arbeit im Internet.
Sabine Breitsameter:
Aber sind derartige Prozesse nicht offen für Manipulation? Ist die Grenze zwischen einer Community, die interessante und wichtige Ideen verstärkt, und einem Mobbing-Prozess, der Menschen und deren Gedanken niedermacht, nicht sehr dünn?
Michael Noble:
Ich bin der Ansicht, daß die Rolle des Intellektuellen sich wandelt. Wir sollten uns immer weniger als Content-Produzenten verstehen sollten, sondern uns auf Gebiete begeben, in denen es um das Zusammenführen von Wissen geht, so wie man das ja schon seit langer Zeit etwa bei Editieren von Bibliographien macht und ähnlichen Arbeiten. Zusammenführen und Moderieren sind zwei herausragende Rollen, die Akademiker in den neu hervortretenden Wissensnetzwerken spielen sollten. Eines der größten Probleme mit der Wikipedia-Enzypklopädie ist, daß es natürlich auch anfällig ist für Manipulation, nicht nur von einer Mehrheit ausgehend, sondern aufgrund der Tatsache, daß jeder den Inhalt verändern kann, dieser dann völlig falsch sein kann, bis es mal jemandem auffällt. – Ich habe auf diese Problematiken keine Antwort. Ich glaube, das größte Problem des sogenannten “Web 2.0” ist die Frage der Moderation: Wie stark sollte man die Stimme des Volkes betonen? – Was angesichts dieser Problematik sicherlich helfen kann, ist, daß man sich nicht nur auf kleine Communities stützt, sondern die Netzwerke möglichst vielfältig anlegt. Daß man sie internationalisiert. Ich glaube, daß die Stimmen verschiedener Kulturen eine Möglichkeit bieten, eine eventuelle Kontrolle durch eine Mehrheit auszubalancieren.
Sabine Breitsameter:
Michael, vielen Dank für das Gespräch.
Bio
Michael Noble, ‘1976 in Australien, Künstler-Wissenschaftler, arbeitet derzeit an der Murdoch-Universität (West-Australien) an seiner Doktorarbeit. Sie zielt darauf ab, die Auffassung von Soundscape entsprechend den Herausforderungen und dem Wandel des digitalen Medienzeitalters weiterzuentwickeln. Seine Website “looplog” began er 2006 zu veröffentlichen. Momentan verdient er seinen Lebensunterhalt als Englisch-Lehrer in Süd-Korea.
Weiterführende Links
verfasst im Dezember 2006 unter Das Interview
