Multimedia-Kunst zwischen Artaud und Brecht
Chris Salter im Gespräch mit Sabine Breitsameter
„Wie können wir durch den Gebrauch neuer Technologien die Beziehungen zwischen den Menschen stärken, anstatt der Isolation Vorschub zu leisten? – Meine künstlerischen Arbeiten stehen dem Computerbildschirm als Medium der Erfahrung kritisch gegenüber, auch dem vereinzelten Individuum, das mit viereckigen Augen vor der Maschine sitzt und die Welt nur noch auf diese Weise wahrnimmt. Man erlebt die Welt nun mal nicht nur auf der Grundlage sichtbarer Informationen. Man erfährt sie akustisch, taktil, multisensorisch, auch im ontologischen Sinne des Wortes.“Der Berliner Medienkünstler und Komponist Chris Salter entwickelt und produziert, oft gemeinsam mit Künstler- und Technikkollegen, multimediale Umgebungen, die Raum, Bild und Klang miteinander verschmelzen. Die Umgebungen reagieren auf ihre Besucher – und ihre Besucher reagieren auf sie. So sind beispielsweise die Besucher von Salters Environment „TGarden“ eingeladen, phantasievoll gestaltete Kleidung aus Plastik und Metall anzulegen. In die Kostüme sind Geschwindigkeits-Sensoren eingenäht. Sie erfassen, wie schnell jemand gestikuliert, den Oberkörper dreht, die Schultern wendet oder die Beine bewegt. Durch ein drahtloses Übertragungssystem werden die Messdaten an ein Computernetzwerk, das ausserhalb des Szenarios steht, weitergeleitet. Die Daten werden umgesetzt – in Klänge und Geräusche, die der Rechner in Echtzeit produziert.
Chris Salters Multimedia-Umgebungen kann man interaktiv nennen, er selbst bevorzugt allerdings den Begriff „responsiv“. Insbesondere auf der Hör-Ebene antworten seine Arbeiten komplex und subtil auf die Anwesenheit und Aktivitäten des Publikums, und versetzen es in ein audiovisuelles Szenario, mit ausgeprägten hörbaren wie auch dramatischen Elementen. Auf der Berliner „transmediale 04“ war Salter mit seiner Arbeit „Schwelle“ vertreten.
Sabine Breitsameter:
Chris, um Ihren künstlerischen Ansatz zu beschreiben, bringt der Begriff „räumliche Arbeit“ nicht weiter. Das Schlüsselwort zum Verständnis Ihrer Produktionen ist „immersiv“. Immersiv bedeutet, das man als Besucher in eine solche künstlerische Arbeit völlig eintauchen kann, so dass sie den Rezipienten von allen Seiten umgibt. Was bedeutet Immersion für Sie?
Chris Salter:
Immersion ist ein komplexer Begriff und es gibt eine Menge verschiedener Ansätze, ihn zu diskutieren. Das erste Prinzip der Immersion ist, das ein Körper daran beteiligt ist. Mit Körper ist hier kein abstraktes Konzept gemeint, sondern ein Körper, der Erfahrungen macht: In meinen Arbeiten sind das insbesondere Erfahrungen mit Klang, aber im Grunde mit allen Sinne. Nicht nur das Hören mit den Ohren spielt darin eine Rolle, sondern zum Beispiel auch Berührung.
Sabine Breitsameter:
Warum ist der klangliche Aspekt so wichtig für Sie?
Chris Salter:
Weil er ein dynamischer Sinn ist. Dynamischer als das Sehen. Das Sehen funktioniert frontal und peripher, aber man kann nie hinter sich blicken. Vom Klang bin ich allerdings immer umgeben, insbesondere, wenn mir klar ist, wie Klang sich in einer Umgebung verhält, wie er mit der Architektur eines Raums reagiert. Man ist immer vom Klang eingehüllt. Er wirkt auf uns von allen Seiten ein.
Sabine Breitsameter:
Dieses Eingehüllt-Sein, die Immersion, ist ein ästhetisches Konzept mit einer langen Geschichte. Was ist dessen spezielle Bedeutung im digitalen Zeitalter?
Chris Salter:
Ich dachte gerade an das Prinzip der Flüster-Galerien, wo Klang durch die Architektur eines Raums übertragen wird, und zwar in sehr geringer Lautstärke. Das sind sehr immersive Räume. Wenn man etwa eine Kathedrale in Europa besucht, da befindet man sich in einer akustischen Umgebung, die viel immersiver ist als jegliche Umgebung, die wir heutzutage mit dem Computer bauen können. – Ich möchte nicht sagen, dass meine Arbeit völlig neu ist. Auf jeden Fall aber ist ihre Technologie anders im Vergleich zu früher. Sie gibt uns heute die Fähigkeit, wenn man mal die Computer-Technologie betrachtet, den Grad der Manipulation von Medien oder Raumakustik viel strenger zu kontrollieren, ob mit dem berühmten IRCAM-Tool, mit welchem man Raum-Klang-Qualitäten einer Umgebung durch einfache Computerprozesse verändern kann, oder ob man die akustischen Erscheinungen einer Umgebung nimmt, sie prozessiert oder in einer sonstigen Form mediatisiert. Meine Arbeiten gehen mit solchen Verfahren und Überlegungen um, und sie nutzen dabei Technologien, die es vorher noch nicht gab. Das heisst, so etwas wie in TGarden – sich in einer Umgebung durch Klänge hindurch zu bewegen und dabei individuelle Klänge in Echtzeit zu synthetisieren – ist etwas, was bis vor zehn Jahren noch nicht existiert hat, weil wir da noch keine brauchbare drahtlose Technologie hatten.
Sabine Breitsameter:
Für Ihre Arbeit sind neue Technologien grundlegend. Aber: Gibt es etwas, was Sie daran auch in Frage stellen?
Chris Salter:
Mich beschäftigt: Auf welche Weise können diese Technologien die Frage nach der Interaktion zwischen Menschen beantworten? Wie können wir durch den Gebrauch dieser Technologien die Beziehungen zwischen den Menschen stärken, anstatt der Isolation Vorschub zu leisten? – Meine Arbeiten stehen dem Computerbildschirm als Medium der Erfahrung, und den solipsistischen Individuen kritisch gegenüber, die mit viereckigen Augen vor der Maschine sitzen. Man erlebt die Welt nun mal nicht per Bildschirm. Man erlebt sie nun mal nicht nur auf der Grundlage sichtbarer Informationen. Man erfährt sie taktil, multisensorisch, auch im ontologischen Sinne des Wortes.
Indem ich mit physisch-greifbaren Umgebungen arbeite, ist meine Arbeit eine Kritik an dem, was man Virtualität nennt. Virtuelle Realität ist ein Konzept, das schon zwanzig, dreissig Jahre alt ist. Es ist bereits in den 30er Jahren nachweisbar. Artaud erwähnt es bereits, in dem er vom „Double“ des Theaters spricht, was sowohl den Aspekt der physischen Gegenwart als auch denjenigen der Abwesenheit beinhaltet. Und ziemlich genau an diesen Punkt bringt uns auch die Technik: Die Computer-Technologie hat die Auflösung des Körpers ins Spiel gebracht. Aber mein künstlerisches Konzept stellt sich dem entgegen.
Ich meine, die Beziehungen zwischen den Menschen sollten dahin zurück gehen, die körperliche Gegenwart eines anderen wahrzunehmen. Und meine Projekte haben mit dieser körperlichen Gegenwart anderer Menschen sehr zu tun.
Sabine Breitsameter:
Frage: Welchen Stellenwert nimmt in solchen interaktiven oder responsiven Multimedia-Settings autonomer Klang ein oder die Haltung des bewussten Zuhörens?
Chris Salter:
Was mich interessiert, ist die Frage des gemeinschaftlichen Zuhörens. Wir sprechen über Raume, in denen Menschen auch sozial anwesend sind, so wie im Konzertsaal oder wie beim indonesischen Schatten-Puppentheater, das von Gamelan-Musik begleitet wird, und bei dem die Menschen sitzen und zuhören und eine gemeinschaftliche Erfahrung machen. Das ist sehr verschieden vom Hören per Kopfhörer, per Walkman, per Computer oder Stereo-Anlage. In meinen „responsiven“ Umgebungen spielen Musik und Sound eine sehr grosse soziale Rolle. Man hört und produziert die Klänge gemeinsam. Der Grund, Räume zu schaffen, in welchen Klang das vorherrschende Element ist, besteht darin, die Frage zu ergründen: Was wird aus gemeinschaftlichem Hören, wenn die Teilnehmer die Klang-Umgebung durch ihr Verhalten im Raum ändern können?
Sabine Breitsameter:
Eines der Hauptargumente in der kritischen Debatte um interaktive Umgebungen ist, dass man Teil von ihnen werden muss, um sie erfahren zu können, man muss sich hineinbegeben. Es ist unmöglich, sie von aussen wahrzunehmen, aus einer kritischen Distanz sozusagen.
Chris Salter:
Alle meine Projekte spielen mit dieser Oszillation zwischen zwei Polen: Diese Pole sind Artaud und Brecht. Brecht repräsentiert das Kritische: die Bühne ist der Ort, wo man die gesellschaftlichen Mechanismen kritisch darstellt, zu denen das Publikum dann Distanz einnehmen soll. Artaud vertritt die Position des einzelnen, der in der ästhetischen Erfahrung aufgeht und ein Teil von ihr wird. Und ich finde dieses Oszillieren zwischen den beiden Polen interessant. Ich würde daher sagen, die Fähigkeit, in eine ästhetische Erfahrung einzutauchen und dann herauszutreten, um Distanz zu ihr einzunehmen, ist eines der Ziele meiner Arbeit.
Sabine Breitsameter:
Vielen Dank für das Interview, Chris.
Biografie
Der Medienkünstler Chris Salter, *1967, wuchs in den USA auf, lebt in Berlin und arbeitet interdisziplinär zwischen Performance, Installation, Sound und Theorie. Er studierte Ökonomie und Philosophie und promovierte mit einer Arbeit über Theater und Computer-generierte Klänge an der Stanford-Universität. Er arbeitete u.a. mit Peter Sellars und William Forsythe am Frankfurter Ballett zusammen und war Mitbegründer der Kunst- und Forschungsinitiative „Sponge“, deren Arbeiten z.B. bei der Ars Electronica, SIGGRAPH 2000, Mediaterra-Athen, dem Pariser Festival „Villette Numerique“ und dem Banff Center gezeigt wurden. Salter ist derzeit Gastprofessor an der Rhode Island School of Design, Brown University, und war im Jahre 2003 „Artist in Residence“ am Podewil.
Publikationen (Auswahl)
- “The Kulturstaat in the Times of Empire,” Performing Arts Journal 2004.
- “TGarden: Wearable Instruments and Augmented Physicality,” with Joel Ryan. Conference on New Interfaces in Musical Expression (NIME), Montreal 2003.
- “Chronopolis: Inhabiting Time”, with Erik Adigard. Loudpaper, 2003.
- “The Architecture of Listening,” “Crossfade: Sound Travels on the Web,” online media project, SFMOMA, Walker Arts Center, Goethe Forum/Munich, ZKM. May 2000. http://www.sfmoma.org/crossfade.
- “Sponge: The Surface that Holds the Image is Unstable,” éc/ArtS: #2[00_01], Fall 2000, Spécial: Textualités & Nouvelles Technologies.
Weiterführende Links
verfasst im Februar 2004 unter Das Interview

