Disembodied Voices
Von Jody Zellen
Es wirkt manchmal geradezu verrückt: Auf den Strassen unserer Städte führen unzählige Menschen lautstarke Selbstgespräche, gestikulieren dabei heftig, bleiben jäh stehen und rufen plötzlich ins Leere. Vor einem Jahrzehnt wäre so etwas noch undenkbar gewesen. Eigentlich sind es ja Zwiegespräche, deren Zeugen wir werden, Dialoge per Mobiltelefon, von denen uns nur ein Part zu Ohren und vor Augen kommt. Der andere Part, der an das Ohr des Telefonierenden dringt, derjenige seines entfernten Gesprächspartners, bleibt uns verborgen.Vieles von dem was wir hören, sind Nichtigkeiten. Oftmals werden wir allerdings unfreiwillig zu Ohrenzeuge vertraulicher Dialoge und intimer Details. Häufig genug fühlen wir uns schlicht gestört.
Das Webprojekt „Disembodied Voices“ von Jody Zellen zeigt die urbane Kollision von öffentlichem und privatem Raum. Zu Beginn kann der Besucher der Website sich eine Stimme auswählen – eine männliche oder weibliche oder eine, die in einer bestimmten Sprache spricht: auf Englisch, Arabisch, Japanisch, D“eutsch usw. Auf den Webseiten, die man in der Folge anklicken kann, stellen sich installations-artige, audio-visuelle Szenarien dar, deren Bild, Schrift, Sprachklang und Stadtsound man als User per Klick oder Roll-Over aktivieren kann.
Der Künstlerin ist es dabei besonders gut gelungen, die Phrasenhaftigkeit der mobilen telefonischen Pseudo-Monologe herauszuarbeiten. Die Inhaltsleere zeigt eine Beziehungslosigkeit zwischen den Menschen, die trotz – oder auf wegen – der unaufhörlichen Tele-Kommunikation darstellt.
„Indem wir Millionen mobiler Telefonate führen, haben wir weniger Augenkontakt mit unseren Nachbarn, sprechen weniger mit unseren Nächsten. Das Telekommunikations-Netz transportiert uns und unsere Aufmerksamkeit an ferne Orte, während es die Hälfte unserer Gespräche bruchstückhaft der Öffentlichkeit überlässt.“ (Jody Zellen)
Mit ihrer Netzarbeit „Disembodied Voices“ zeigt die Künstlerin, wie durch das Handy und seine Sprach-Soundscape eine neue, alltägliche Translokalität entstanden ist, ein Netzwerk der Nomaden, das seine Wanderer auf unsichtbare Weise miteinander verknüpft: Sie sind immer erreichbar, aber nie in Sicht“. Gelungene Kommunikation wird darin zum Glücksfall.
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verfasst im Januar 2004 unter Audiolinks des Monats

