Auf dem Weg zu den Ursprüngen des Radio
Robert Adrian im Gespräch mit Sabine Breitsameter
„Als ich Ende der siebziger Jahre an künstlerischen Telekommunikationsprojekten teilnahm, war ich an einer Kunst interessiert, die sich nicht mit Dingen befasst, sondern mit Verbindungen, und die Zeit und Ort überwinden kann. Uns ging es um eine Art Café-Haus-Mentalität: Als Künstler war es schwierig, jemanden zu finden, mit dem man sich austauschen konnte, namentlich an Orten wie Bristol, Pittsburgh, Vancouver oder Wien. Mit den Telekommunikations-Technologien konnte man sich endlich seine Community aufbauen. Das hat uns dazu angeregt, an Kunstprojekten in diesem Bereich weiterzuarbeiten.“Der kanadische Künstler Robert Adrian, seit 1972 in Wien zu Hause, ist in zahlreichen Kunstformen aktiv: in Malerei, Fotografie, Bildhauerei, Film, vor allem aber in der Telekommunikationskunst. Dort zählt er zu den Pionieren: Seit den späten siebziger Jahren lotet er die künstlerischen Möglichkeiten der expandierenden Telekommunikations-Technologien aus sowie diejenigen der frühen Computernetzwerke (Bulletin Board System („Mailbox“), IP Sharp Network, Fido-Net) des Internet und des Radios. Adrian interessiert sich insbesondere für die prozess-orientierten, kommunikativen und kollaborativen Möglichkeiten technischer Zwei-Weg-Kommunikationstrukturen, die er in seinen Kunst-Projekten benutzt.
Sabine Breitsameter:
Robert Adrian, im Jahr 1979, so steht es in Ihrer Biografie, haben Sie zum ersten Mal an einem Telekommunikationsprojekt teilgenommen. Der Titel war „Interplay“, und das Projekt war von dem Kanadier Bill Bartlett organisiert worden. Was hat Sie dazu gebracht, daran teilzunehmen? Was hat Sie daran fasziniert?
Robert Adrian:
Ich fand es damals sensationell, mit anderen in Verbindung zu stehen und dadurch an entfernten Orten gegenwärtig sein zu können. Ich war an einer Kunst interessiert, die sich nicht mit Dingen befasst, sondern mit Verbindungen, und die Zeit und Ort überwinden kann. Für mich war die Vorstellung wichtig, in Verbindung zu stehen und Gleichgesinnte zu finden. Uns ging es um eine Art Café-Haus-Mentalität: Als Künstler war es schwierig, jemanden zu finden, mit dem man sich austauschen konnte, namentlich an Orten wie Bristol, Pittsburgh, Vancouver oder Wien. Mit den Telekommunikationstechnologien konnte man sich endlich seine Community aufbauen. So haben wir uns das vorgestellt, das hat uns dazu angeregt, an Kunstprojekten in diesem Bereich weiterzuarbeiten.
Sabine Breitsameter:
Vor allem in den achtziger Jahren haben Sie ja dann fast jedes Jahr ein Kunst-Projekt mit Telekommunikationsmedien produziert. Wie sind Sie damals mit den sicherlich immensen technischen Herausforderungen umgegangen?
Robert Adrian:
Ich möchte klar sagen, dass ich nie allein solche Kommunikations-Arbeiten „gemacht“ habe. Ich habe diese Projekte organisiert. Meine künstlerische Arbeit umfasst als auch das Kuratieren und Managen. Das hängt mit der Identifizierung des Kunstwerks im Rahmen der Neuen Medien zusammen: An die Stelle des Autors im üblichen Sinne ist die gemeinschaftliche Autorschaft und die Kollaboration getreten.
Techniker beispielsweise sind für solche Projekte sehr wichtig. Ohne sie kann man nichts tun. Man muss Menschen finden, die sich mit den Maschinen auskennen und sie für das jeweilige Projekt dienstbar machen können. Die Hersteller und Anbieter der Technik versuchen ihre Geräte so zu kontrollieren, dass sie nicht wirklich kommunikativ und interaktiv sein können. Deshalb braucht man kooperationsfähige Ingenieure und Techniker, die – indem sie die Maschinen kreativ nützen und umgestalten – zu Künstlern werden.
Sabine Breitsameter:
An welchem Punkt der technischen Entwicklung sind Sie in künstlerische Telekommunikations-Projekte eingestiegen?
Robert Adrian:
Ich glaube, die Entwicklung vollzog sich in drei oder vier Generationen. Die erste Generation war bereits vor mir da: Das waren in den siebziger Jahren diejenigen Leute, die sich ihre Technik selbst zusammen gelötet haben und in enger Beziehung standen mit der Amateur-Radiobewegung. Ich habe mit einigen von ihnen immer wieder mal zusammen gearbeitet. Das sind ganz Spezielle, die sagen dir: „Wenn du dein Radio nicht selber baust, dann brauchst du gar nicht erst anfangen, mit mir über Radio zu sprechen.“ Die gibt es heute noch mit ihren Lötkolben und ihren elektronischen Bauteilen. Die Modemtechnologie, die Idee des „Packet-Switching“ – das alles haben diese Radio-Freaks angeregt. Sie waren eine Community von brillianten, exzentrischen Amateuren. Sie waren eine Art Guerilla-Gruppe.
Als ich dazustiess, gab es die Kommunikationsgeräte schon fertig zu kaufen. Man konnte in einen Laden gehen oder zu einer Firma und fragen: Könnten Sie mir diese Fax-Maschine leihen? Auch die Firma IP Sharp hat beispielsweise ihr Timesharing-System für Kunstprojekte http://www.t0.or.at/~radrian/BIO/telecom.html zur Verfügung gestellt. Ich zähle mich also zur zweiten Generation. Die dritte Generation kam dann mit dem Bulletin Board System.
Sabine Breitsameter:
In Deutschland nannte man das „Mailbox“, und es wurde Mitte der achtziger Jahre unter Computer-Freaks populär, als der PC auf den Markt kam. Sie, Robert Adrian, haben damit auch eine Reihe von Kunstprojekten durchgeführt. Was waren die kreativen Herausforderungen dieses Systems?
Robert Adrian:
Das stimmt, es war nichts anderes als eine Mailbox. Sie hing nicht von einem zentralen Rechner ab, wie das IP Sharp-Netzwerk, das wir ebenfalls für Kunstprojekte benutzt hatten. Mit dem Bulletin Board System konnte es für eine Nachricht eine Woche und länger dauern, bis sie irgendwohin durchkam. Die Schwierigkeit dieses Systems war, dass es nicht über den Atlantik reichte, nicht über den Pazifik, dass man damit nicht nach Ost-Europa kam oder nur unter grossen Schwierigkeiten, weil die Entfernungen zu gross waren. Auch nach Japan zu kommen, war sehr kompliziert, denn die Telefonkosten waren viel zu hoch. Aber immer wieder haben die Computer-Hacker damals Tricks gefunden und sich in die grossen Firmen eingewählt, um Telefonzeit zu stehlen. Damit kamst Du dann über den Atlantik. Aber erst das Internet war wirklich international. Das ist dann die vierte Generation: das Internet. Es wurde in Nord-Amerika Anfang der neunziger Jahre zugänglich.
Sabine Breitsameter:
In Europa wurde das Internet Mitte der neunziger Jahre populär. Es gab einem Teil der Kunst-Szene einen enormen Schub. Wenn Sie heute, ein Jahrzehnt später, draufschauen – was denken Sie? Konnte das Internet seine künstlerischen Versprechen halten?
Robert Adrian:
Nun, ich glaube, die Aufregung und der Enthusiasmus haben sich gelegt und das Internet ist zu einer Art kommerzieller Spiele-Technologie geworden. Mich hat am kreativen Gebrauch das Web vor allem immer interessiert, dass es einem erlaubt, sich selbst zu veröffentlichen. Dass man nichts mehr drucken muss, nicht mehr Bücher mit sich herumschleppen muss: Man stellt das, was man geschaffen hat, einfach online. Ich wünschte, das Netz hätte sich noch mehr in diese Richtung entwickelt. Bis vor fünf Jahren dachte ich noch, dass ich einigermassen voraussehen könnte, wohin sich die Dinge entwickeln. Aber die Situation, in der wir uns jetzt befinden, hätte ich nicht vorhergesehen.
Sabine Breitsameter:
Von Ihrem künstlerischen Standpunkt aus betrachtet: Wie ist diese Situation beschaffen? Was ist ihr ästhetisch-kommunikatives Potential?
Robert Adrian:
All die Technologien, von denen wir in den achtziger Jahren geträumt haben, sind nun vorhanden: Nehmen wir nur das Mobil-Telefon mit Foto-Funktion. Die Menschen, die damit telefonieren, können ihre Umgebung knipsen oder ihre Gesichter. Und das Tollste daran ist: es handelt sich dabei um Radio – es ist drahtlos. Radio hat damit zu seiner kommunikativen Rolle, die es anfänglich hatte, zurückgefunden. Jahrzehntelang war es ein zentralisiertes Rundfunk-Medium, das nach dem „one to many“-Prinzip gesendet hat; es war lange Jahre kommodifiziert – in den USA aus wirtschaftlichen Motiven; was Europa anbelangt, in Hinblick auf Information und Kontrolle. Auf jeden Fall war Radio zentralisiert, lizensiert und monodirektional. Mit dem Handy-Telefon, das wir jetzt haben, sind wir wieder bei den Ursprüngen des Radios, bei der Zwei-Weg-Kommunikation.
Sabine Breitsameter:
Vielen Dank, Bob.
Biografie
Robert Adrian, *1935 in Toronto/Kanada, lebt seit 1972 in Wien. Er begann 1979 mit Telekommunikationstechnologie an künstlerischen Projekten teilzunehmen und organisierte während der achtziger und neunziger Jahre Projekte, die mit Telefax, Slow-Scan-TV, Amateur-Funk, Mailbox-Systeme usw. arbeiteten. – Adrian ist imit den verschiedensten Medien tätig, so mit Installation, Modellbau, Malerei, Skulptur, Radio und Computer. Seine Werke wurden vielfach international ausgestellt, u.a. auf der Biennale in Venedig (1980 und 1984), der Biennale in Sidney (1986) und mehrfach auf der Ars Electronica in Linz/Österreich.
Weiterführende Links
verfasst im Januar 2004 unter Das Interview

