Netzliteratur oder Netzkunst?
Johannes Auer im Gespräch mit Sabine Breitsameter
„Bestimmte Leute, ich meistens auch, sprechen eigentlich nur noch von Netzkunst, und nicht mehr von Netzliteratur, weil beides wirklich kaum mehr unterscheidbar ist. Man arbeitet mit dem selben Material, um ein Bild zu erzeugen und um Text zu erzeugen: Der alphanumerische Code liegt jeder digitalen Arbeit zugrunde. Daran zeigt sich, dass sich hier die Kunstgattungen aufheben, und ich halte das für einen spannenden Weg.“
Sabine Breitsameter:
Johannes Auer, die Netzliteratur hat sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt und existiert heute in vielfältigsten Erscheinungsformen. Welcher Aspekt der Netzliteratur ist zur Zeit besonders in Bewegung?
Johannes Auer:
Ich glaube, wir sind in einer ruhigeren Phase, die ich auch sehr angenehm finde. Am Anfang war der grosse Hype. Da wurde das Phänomen Netzliteratur verstärkt theoretisch untersucht. Im netzliterarischen Bereich gab es bereits früh einen universitären Diskurs, den ich sehr interessant finde, der auch sehr hilfreich war. Jetzt hat sich alles beruhig, und wir kommen jetzt, glaub’ ich, in die Phase, wo man ruhig und konzentrierter arbeiten kann.
Ich denke, dass man im Moment kaum sagen kann: „Wir befinden an der und der Stelle oder auf dem und dem Stand.“ Es gibt aber interessante neue Entwicklungen. Was zum Beispiel derzeit sehr diskutiert wird, sind die „Code Works“, wo die Programmiersprache selbst zu einem literarischen Produkt werden kann. Das find ich sehr interessant.
Sabine Breitsameter:
Über dieses Thema hatten wir ja unlängst mit dem Berliner Literaturwissenschaftler Florian Cramer gesprochen. Was interessiert Sie eigentlich an diesem Ansatz? Wie setzen Sie sich mit ihm auseinander?
Johannes Auer:
Ich hab das mal charakterisiert als einen „binären Idealismus“. Es gibt ja von Platon, wenn man sein Zehntes Buch liest „Vom Staat“ – zehn: das ist I/0: der wusste schon, wovon er schreibt! – dieses hübsche Beispiel von einem Handwerker, der ein Bett macht. Das Bett ist ein Abbild der reinen Idee. Jetzt kommt aber der Künstler und malt das Bett, das heisst, er macht ein Abbild von einem Abbild, sozusagen etwas, was noch „minderwertiger“ ist: Eine ähnliche Situation haben wir momentan beim Computer. Der Ausgangspunkt ist der Maschinencode – I/0 : Das ist die Idee als solche, das ganz Pure. Dann kommt der Programmierer, der mit diesen Maschinencodes sprechen kann, interagieren kann, der entspricht also dem Handwerker bei Platon. Und schliesslich kommt der Künstler, der vielleicht einen Programmierer beschäftigt, und der schafft dann etwas, was auf dem Bildschirm passiert oder aus den Lautsprecher kommt, was dann nur ein Abbild von einem Abbild von einem Abbild ist, und damit „minderwertig“. Das finde ich, ist eine ganz schöne Parallele, aber mein Standpunkt ist es nicht. Mich interessiert der Code, den finde es sehr spannend. Ich finde es auch nicht falsch, den Code zum Gegenstand der Netzkunst zu machen, das muss ich ganz klar sagen. Aber ich denke, auch das, was auf der Oberfläche passiert, auf dem Bildschirm, hat Relevanz, beziehungsweise das, was aus den Lautsprecher-Boxen kommt. Alles, was ich aus irgend einem Interface rausholen kann, hat eine künstlerische Relevanz.
Sabine Breitsameter:
Es wird ja oft der Vorwurf gemacht, dass Netzliteratur sich vor allem im Konzeptuellen bewegt und dass weder Sinn noch Sinnlichkeit so richtig ins Spiel kommen. Ist dieser Vorwurf Ihrer Ansicht nach berechtigt?
Johannes Auer:
Ich würde ihm angesichts bestimmter Projekten einfach recht geben. Damit meine ich die Projekte, die sich schnell erschliessen, die man kapiert, und wenn man sich einmal kapiert hat, ist man damit zufrieden. Es gibt aber auch sehr viele Arbeiten, und das möchte ich deutlich betonen, von denen ich glaube, dass sie komplex sind und im Netz auch auf Dauer sehr gut funktionieren.
Ich möchte da Susanne Berkenheger nennen, die ihre Hypertexte mit Mitteln der Browsersoftware inszeniert, dass sie also praktisch ein Stück Theater werden, das zum Hypertext hinzukommt. Ich möchte da auch die frühen Arbeiten von Olia Lialina nennen, die das auch sehr gut zeigen und zum Beispiel Frames einsetzen, wie in „My boyfriend came back from the war“. Sie nimmt ganz einfache Mittel. Ihre Arbeit ist sehr erzählerisch und auch stark filmisch geprägt. Mit einfachen Mitteln wird hier eine Geschichte strukturiert, die auch sehr spannend anzuschauen ist.
Es gibt auch Weiterentwicklungen der Konkreten und Visuellen Poesie im Netz, die durchaus funktionieren: Ich hab’ mit Reinhard Döhl experimentiert. Döhl hat Arbeiten ins Netz gestellt, die er ursprünglich in den 60er Jahren gemacht hat, wie z. B. „das buch gertrud“, was sich wunderbar fürs Netz eignet. Also ich denke, da gibt´s schon gute Ansätze, die auch Spass machen.
Was ich hier charakterisiert habe, zeigt im Augenblick den Zustand der Netzliteratur: Es gibt sehr viele Sachen nebeneinander. Ich glaube, es gibt kein einzig gültiges Modell für „richtige“ Netzliteratur. Was ich spannend finde, ist: bestimmte Leute, ich meistens auch, sprechen eigentlich nur noch von Netzkunst, und nicht mehr von Netzliteratur, weil beides wirklich kaum mehr unterscheidbar ist. Man arbeitet mit dem selben Material, um ein Bild zu erzeugen und um Text zu erzeugen: Der alphanumerische Code liegt allem zugrunde. Daran zeigt sich, dass sich hier die Kunstgattungen aufheben, und ich find das eigentlich einen ganz guten Weg.
Sabine Breitsameter:
Nun basiert aber immer noch ein Grossteil der so genannten Netzliteratur auf hypertextuellen Modellen, das heisst auf dem modularen Prinzip: Versatzstücke können per Klick in eine mehr oder weniger beliebige Anordnung gebracht werden. Dieses Prinzip ist ziemlich durchschaubar geworden. Hat sich das nicht inzwischen überlebt?
Johannes Auer:
Das Modulare ist durch diese grundsätzliche Möglichkeit des Klickens gegeben und damit auch ein zentrales ästhetisches Moment der Netzliteratur. Die Kritik daran kann man einigen Produktionen durchaus vorwerfen. Aber ich glaube auch, diese Kritik hängt mit einer gewissen Sozialisation zusammen: Wenn ich die Vorstellung habe: „Literatur ist etwas, was zwei Buchdeckel hat und Seiten, die ich umblättern kann“, dann werde ich Schwierigkeiten haben, mich auf Netzliteratur einzulassen.
Dass viele Sachen trotzdem im Modularen stecken bleiben und nichts bringen, was Sinn macht, das ist unbenommen. Aber das kann nicht wirklich die Kritik sein. Ich würde mir eigentlich wünschen, dass man sich Einzelarbeiten angeguckt und dann zu einem Urteil kommt.
Ausserdem: Wenn man die Code Poetry anguckt, die ist überhaupt nicht modular, die ist eigentlich was Ureigenes, was sich aus dem Medium heraus entwickelt, und dafür kann diese Kritik gar nicht gelten.
Sabine Breitsameter:
Auffallend ist ja, dass in der netzbasierten Kunst, auch in der Netzliteratur, ganz deutlich auf künstlerische Konzepte zurückgegriffen wird, die man vor allem mit der Kunst der sechziger und siebziger Jahre in Verbindung bringt, wie z.B. Interaktion und Teilnahme des Publikums, Zufallsverfahren oder Entwürfe der Konkreten Poesie. – Kritiker werfen der Netzkunst vor, sie sei nichts anderes als eine Neuauflage der letztlich gescheiterten 70er Jahre-Experimente…
Johannes Auer:
Es ist mit Sicherheit so, dass in der Netzkunst heute nicht nur neue Räder erfunden werden, sondern alte Räder noch mal sehr interessant neu bereift werden oder interessant rückwärts rollen oder interessant taumeln. Wir haben hier mit dem Medium einfach auch mehr Möglichkeiten bekommen, die sich in irgend einer Form aktualisieren, die auch „Altes“ in aktualisieren, die aber auch, denke ich, Neues bringen.
Sabine Breitsameter:
Vielen Dank, Johannes Auer. Wir werden uns den Traditionen der Netzkunst im ersten Halbjahr 2004 unter anderem in Interviews mit Reinhard Döhl und Robert Adrian widmen.
Biografie
Johannes Auer [aka Frieder Rusmann], *1962, Netzkünstler und Veranstaltungsmacher, lebt in Stuttgart. Netzliteratur und -kunst Projekte ab 1996, zuletzt: Wertschöpfung / Creation of Value, 2002; Log-Book of a Common Journey, 2002; concrete_maschine (TM), 2003; The Famous Sound of Absolute Wreaders, ORF Kunstradio Wien, 2003.
Mehr dazu: http://auer.netzliteratur.net
Ausstellungen ab 1994, zuletzt: ReadMe!, Kunsthalle Bern, 2002; FILE 2002, Paço das Artes, São Paulo; HyperText 03, Nottingham UK, 2003; one_year_stand, galerie muellerhoffmann, Stuttgart 2003; Lore schweigt, Video/Projektion auf den
Rheinfall, “Wort und Bild Festifall”, Schaffhausen 5./6.9.03 [mit Pipilotti Rist, Roman Signer u.a.]; FILE 2003, Paço das Artes, São Paulo.
Mehr dazu: http://www.rusmann.de
Texte zur Netzliteratur und Netzkunst auf http://www.netzliteratur.net
In Herbst 2000 erschien im update-Verlag Zürich die CD-ROM “Kill the
Poem” (zus. mit Reinhard Döhl), ISBN 3-908677-08-4
http://www.cyberfiction.ch/poem.html
Weiterführende Links
verfasst im Dezember 2003 unter Das Interview

